Dieser Artikel war ganz anders geplant. Eigentlich sollte er am 09. April erscheinen und meine ersten 100 Tage in der Selbstständigkeit beleuchten. Voller Hurra’s und Wow’s.

Aber das habe ich nicht geschafft. Dann dachte ich mir, dass sich 111 Tage ja auch viel knackiger machen! Passt ohnehin viel besser zu mir. Oder 112. So eine Art lustiger Hilferuf aus dem Haifischbecken. Aber das habe ich nicht geschafft. Heute ist schon der 119. Tag und das, was mir gerade bewusst wird ist: es waren 119 Tage ohne Feierabend.

Selbstständigkeit: yay or nay?

Selbst und ständig! Oh, wie habe ich es gehasst. All die Plattitüden, die einem entgegen schallen, wenn man erzählt, dass man sich selbstständig macht. Ihr kennt das vielleicht. Das ist so ein ganz komischer Mix aus unwissenden, gutmeinenden und seeehr erfahrenen Menschen, die oftmals ad hoc eine starke Meinung zu deiner Aussage entwickeln.

Hast du dir das auch gut überlegt?

Die meisten, die einen vor dem selbst und ständig bewahren wollen, sind Angestellte (die ganz viele gescheiterte Existenzen kennen). Die Gutmeinenden sind oft Verwandte und Freunde, die das Beste für einen wollen und sich sorgen, dass man auch durchkommt. Der Job war doch gar nicht schlecht, da hattest du doch alles. Und dann gibt es solche, die schon immer Unternehmer waren und sich als Opfer des Systems sehen, die viel härter arbeiten müssen und viel mehr Verantwortung tragen. Ob man das wisse. Und die Rente erst. Ach komm, geh weg.

Willkommen im Club!

Und zum Glück gibt es auch noch eine vierte Gruppe, ohne die ich es wahrscheinlich niemals getan hätte: die Neuzeit-Unternehmer, wie ich sie jetzt mal nenne. Das sind solche, die als Einzelunternehmer online tätig sind. Die meisten davon sogar sehr entspannt. Und sehr viele davon überaus erfolgreich. Das ist die Sorte Mensch, die dir sagt, dass du alles hast, was du brauchst und falls nicht, dass du jemanden fragen kannst. Zum Beispiel sie.

Für mich: Alternativlos

Das mag jetzt etwas seltsam klingen, aber ich hatte als Angestellte alles erreicht. Hatte jeden Karriereschritt abgehakt, von dem ich dachte, dass ich ihn machen müsste, um das zu bekommen, was ich immer wollte. Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Einfluss, Status. Jeder Schritt hat mehr darauf eingezahlt, aber irgendwann war das Ende der Fahnenstange erreicht.

Jammern auf hohem Niveau

Ich durfte faktisch alles und fühlte mich doch unfrei. Obwohl ich kommen und gehen durfte, wie mir beliebte, fühlte ich mich auf der Fahrt ins Büro, in der Absprache mit meinem Team und in der Kommunikation mit meinen Kunden doch nicht mehr richtig. Ich wollte einen noch höheren Grad an Selbstbestimmung. Mir graute es vor der Urlaubsplanung. Vor jedem Arztbesuch (jeder weiß, dass zuhause ein besser Ort ist, als das f*cking Wartezimmer). Vor jedem Meeting. Ich mochte meine Arbeit eigentlich. Es kam der Definition Traumjob schon sehr nah. Und trotzdem, ich musste raus. Ich musste spüren, wie es ist, wirklich selbstbestimmt zu sein.

Traumjob gegen Haifischbecken

Ich erntete viel Argwohn, dass ich so einen guten (und so sicheren) Job gegen eine so unbeständige Sache, wie eine Selbstständigkeit tauschte. Freiwillig. Ich verstehe das. Wir wachsen so auf. Zumindest ich bin so aufgewachsen: ein solider Job war immer das erstrebenswerte Ziel. So, dass für einen gesorgt ist. Dass man ein Auskommen hat und sich ein bisschen was leisten kann. Wenn man spart. Ganz ehrlich: das hat mich noch mehr angespornt, es anders zu versuchen. Ich hatte den unbedingten Willen, mir meinen eigenen Traumjob zu erschaffen.

Was ich erwartet habe

Wenn du dich selbstständig machst, dann denkst du natürlich darüber nach, wie das alles so aussehen wird. Wie wird mein Tag ablaufen? Was, wenn die Kunden ausbleiben? Schaffe ich das alles mit der Buchhaltung? Kriege ich meine Rechnungen bezahlt? Um welche Versicherungen muss ich mich kümmern? Wie mache ich das, wenn ich Urlaub machen will? Es werden gefühlt immer mehr Fragen, die einem in den Sinn kommen.

Meine größte Sorge

Ich hatte am meisten Respekt vor der Steuer. Mit Start meiner Vollzeitselbstständigkeit habe ich den Kleinunternehmerstatus verlassen und mich auf die Umsatzsteuer eingelassen. Ich wusste, wie man Rechnungen schreibt, aber Umsätze buchen empfand ich schon immer als total risikohaft. Ich habe BWL studiert und ja, ich habe da immer noch Angst vor – das macht wahrscheinlich das deutsche System, dass Steuerhinterziehung ahndet, wie ein Schwerverbrechen.  Umsatzsteuervoranmeldung? Ahhhh. Ab da sind die Buchungen also so richtig amtlich. Wie eine graue Eminenz hatte ich diesen Gedanken ab Tag 1 über mir schweben.

Meine größte Hoffnung

Am meisten gefreut habe ich mich auf die freie Zeiteinteilung. Arbeiten im Flow, geil. Zwischendurch den Haushalt schmeißen (ich liebe Wäsche machen, es ist so beruhigend), Pausen in der Sonne, Spaziergänge, Ausfahrten mit dem Liebsten, viel lesen, neue Onlinekurse machen. Wann immer ich mag. Alleine der Gedanke daran, mich nicht mehr in ein Wartezimmer setzen zu müssen, wenn ich krank war, beflügelte mich ungemein. Einfach nur liegenbleiben. Und arbeiten, wenn ich richtig kreativ bin. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich mich auf Brand Design spezialisiert habe und nicht auf Werbung. Brand Design ist selten Terminsache.

Mein Plan

Ich hatte von Anfang an große Pläne. Auch finanziell. Dazu hatte meine Mentorin mich angetrieben. Es sollte auf jeden Fall mehr drin sein, als als Vollzeitangestellte. Ich habe zum Einen mehr Ausgaben (ja Karen, auch ein professionelles Onlinebusiness hat laufende Kosten) und wollte mich zum Anderen keineswegs einschränken müssen.

Ich wollte mir mehr Zeit nehmen morgens, um in Ruhe in meinen Tag zu starten. Vielleicht journalen, vielleicht einfach nur aus dem Fenster schauen. Keinesfalls hetzen, sondern achtsam sein. Ich sah mich mittags mit meinem Schatz in aller Ruhe essen, nachmittags spazieren. Ich wollte mir ausreichend Zeit nehmen für Content und Social Media. Wochenende sollte es so nicht mehr geben. Denn ich wollte dann entspannen und Pause machen, wenn ich es brauchte und nicht, wenn es die Zeit vorgab. Das galt insbesondere auch für Urlaub. Woher soll ich im Januar wissen, wann im urlaubsreif bin? Eben.

Was wirklich geschah

Witzigerweise haben wir direkt im Januar Urlaub gebucht für den Spätsommer. Immerhin ohne uns abstimmen zu müssen, das war ein unglaublicher Gewinn! Einfach mal mitwochs fliegen und ein paar hundert Euro sparen. Herrlich! Was für ein geniales Erfolgserlebnis! Noch keinen Euro verdient, aber schon mal eine dreiwöchige Fernreise gebucht. Läuft. (Well, oder auch nicht – Danke, Corona.)

Anfangseuphorie

Das, was ich in den ersten Wochen festgestellt habe, war: es öffnen sich einem Türen, von denen man nicht wusste, dass sie existieren. Plötzlich kommen aus dem Nichts Anfragen und Angebote. Wow. Ich bin hochmotiviert in den Januar gestartet und fühlte mich extrem gut. Mich beschlich dieser typische Gedanke des Warum-hab-ich-so-lange-gewartet? Alles war leicht und flutschte nur so. Neben ein paar Aufträgen, die ich mit ins neue Jahr genommen hatte, hatte ich spannende neue dazugewonnen. Ich habe mit relativer Leichtigkeit meinen Wunschumsatz übertroffen. Und es ging so weiter. Ich war im Höhenflug.

Erste Knicke

Ich fing an, leichtsinnig zu werden. Ich habe alle Aufträge angenommen, die mir machbar und in meinem Scope erschienen. Ich war auf mein Umsatzziel fixiert und sah am Ende des Jahres schon meinen persönlichen Super-Unternehmerinnen-Pokal funkeln (als ob der sich am Umsatz festmacht, stimmt’s?). Ich hatte plötzlich Projekte, die sich schwer anfühlten. Die Arbeit an Projekten, die nicht wirklich meine Kernkompetenz waren, färbten ab. Plötzlich wurde alles irgendwie zäh. Ich wünschte mir in manchen Momenten, einfach krank machen zu können und den Kollegen alles zu überlassen. Die Chefin in mir ermahnte mich und wies auf Leasingraten und Mietzahlungen hin. Okay, okay. Ich biss.

Entscheidungen treffen

Ich merkte, welche Verantwortung ich habe. Nicht nur meinen Kunden gegenüber, sondern auch mir und meinem Unternehmen. Ich muss zu 100% funktionieren, um dieses ganze Unterfangen erfolgreich machen zu können. Das geht nicht, wenn ich Projekte annehme, die in mir kein Oh-Yeah-Gefühl auslösen. Das war eine meiner neuen großen Herausforderungen: so früh es geht die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn alle Projekte erschienen zum Start noch interessant und spannend. Wie finde ich also raus, welche Kunden später ein Pain-in-the-Ass werden?

Ich hab es rausgefunden: Wenn ich dieses Projekt auch machen würde, wenn es dafür kein Geld gäbe, dann erst ist es ein guter Deal. Luxusposition? Diskutier gerne mit mir in den Kommentaren.

Grenzen setzen

Ich habe schnell gemerkt, dass es mir an Anfragen und Aufträgen nicht mangelt. Ich darf also Aufträge ablehnen, die kein guter „Fit“ sind. Das war eine wichtige Erkenntnis. Und auch trotzdem immer noch ein Thrill. Wird ein neuer Auftrag kommen? Und ich sag euch eins: das Leben schickt so lange die gleiche hammerharte Aufgabe, bis du sie endlich verstanden hast und anders handelst. Sag Nein!

Mein aktuelles Problem: ich arbeite zu viel. Ich arbeite selbst und ständig. OH HELL, really? Ja, es ist soweit. Look at me Haters! Aber aus anderen Gründen, als mir angekündigt wurde. Mir macht das, was ich tue, einen Riesenspaß. Das führt leider dazu, dass ich mich kaum bewege und unter Nacken- und Rückenschmerzen leide. Du musst mich förmlich vom Schreibtisch kratzen. Aber ja, es gibt auch die andere Seite: als Selbstständiger hast du eine Neverending-to-do-Liste. Es gibt immer was zu tun und du musst du dich daran gewöhnen, dass du sie nie abgearbeitet hast.

Ich konnte das lange nicht. Ich habe von morgens um acht bis abends um zehn am Schreibtisch gesessen und dachte, ich müsste dies und das erst abhaken, bevor ich Feierabend machen könnte. Und Wochenende gabs ja ohnehin nicht.

Die Dinge ändern sich

Soll ich dir mal was sagen? Alle meine Befürchtungen haben sich in Luft aufgelöst. Umsatzsteuervoranmeldung? Easy! Es gibt Programme, die einem so etwas angenehm gestalten. Und ich habe Unternehmerfreunde, die ich jederzeit fragen kann (Danke, Gabi). Mangel an Kundenaufträgen? Nicht in Sicht, nicht mal in der großen C-Krise. Während viele zuhause Däumchen drehten, sahen meine Tage so aus: hell, dunkel, hell, dunkel, … wusch – wieder eine Woche um. Ich habe mich um alle nötigen Ämter und Versicherungen gekümmert, lasse mir sogar AGB erstellen. Ich fühle mich ziemlich professionell und genieße dieses kurze Gefühl von Having-my-shit-together, denn das ist als Selbstständiger ziemlich flüchtig.

Erkenntnisse

Das, was meine größte Erkenntnis in 119 Tagen Selbstständigkeit ist, ist die Definition von Erfolg. Erfolg war für mich vorher eine Sache des Umsatzes, der Kundenprojekte und der Außenwahrnehmung. Nach den zehrenden letzten Wochen hat sich das geändert. Ich tendiere leider dazu, immer in der Zukunft zu sein. Meine Gedanken sind immer viele Schritte weiter, als das, was aktuell ist. Das führt dazu, dass ich mir Sorgen konstruiere und auch, dass ich mir eine schönere Zukunft ausmale. Die dann nach dem ganzen Stress irgendwann anfängt. Und genau da liegt der Denkfehler. Die Zukunft ist jetzt. Wenn ich es nicht schaffe, den heutigen Tag so zu leben, wie ich es mir wünsche, wie soll ich das dann morgen schaffen?

So langsam komme ich immer mehr im Heute an. Meine Definition von Erfolg ist, einen schönen Tag zu leben. Sorgenfrei, entspannt, gut gelaunt. Denn meine Millionen in der Zukunft gewähren mir auch genau das. Aber das geht auch ohne Millionen! Ding-Dong. Mir geht es gut, mir fehlt nichts, ich habe alles, was ich brauche. Ich lebe mit meiner großen Liebe zusammen in einer riesigen Wohnung. Wir verbringen den ganzen Tag zusammen, trinken zwischendurch Kaffee, gehen täglich spazieren, machen Ausfahrten und genießen den Moment. Ich muss für niemanden sorgen. Ich lebe nahezu vollständig selbstbestimmt. Genau so, wie ich es wollte. Das, meine Damen und Herren, ist ein Riesenerfolg.

Neue Wege

Ich glaube es war gut, dass ich manche Tiefen selbst erfahren habe, um daraus meine Lehren zu ziehen. Wie oben geschrieben: das Leben schickt die Aufgaben, die du noch lösen musst. Meine Aufgabe ist: abschalten können, im Moment ankommen, Vertrauen haben. Ich genieße es, wie schnell ich neue Erkenntnisse gewinne und Dinge umsetzen kann. Ich muss niemanden fragen, irgendetwas zu tun. Ich darf auch einfach mal einen Tag liegenbleiben oder den ganzen Tag lesen oder spontan in den Harz fahren. Niemand bewertet das, ich bewerbe mich nicht um eine neue Position im Unternehmen, ich darf auch einfach mal das machen, worauf ich Lust habe. Beziehungsweise: ich habe die Pflicht, mich an die erste Stelle zu stellen, denn ohne mich läuft der Laden nicht.

Weißt du, was witzig ist: meine Headline kann man so und so lesen. Für den einen ist 119 Tage ohne Feierabend eine Horrorstory, für den anderen einen Befreiung. Kein Feierabend, eher sowas wie Feiertag. Jeden Tag. Ich bereue keinen einzigen Tag.

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